KI und Philosophie

Sabrina Lehner @ EPFL Extension School · 8 Minuten

Wie KI unsere Rolle in der Welt beeinflussen und verändern kann.

KI-Systeme finden sich z. B. im Smartphone in Ihrer Tasche und werden in unserem Alltag immer wichtiger und einflussreicher. Diesem Thema haben wir uns bereits im Artikel KI umgibt uns tagtäglich gewidmet. Und im Artikel KI – Zwei Buchstaben, viele Bedeutungen haben wir erklärt, dass diese Art von Systemen auch als schwache KI bezeichnet werden.

Schwache KI-Systeme sind äusserst spezialisiert und daher sehr effizient bei der Ausführung der Aufgaben, für die sie entwickelt wurden. Dabei übertreffen sie menschliche Leistungen spielend. Allerdings sind diese Systeme nicht in der Lage, Probleme ausserhalb des ihnen zugewiesenen Aufgabenbereichs zu lösen. Und sie haben Schwierigkeiten, Wissen von einem Bereich auf einen anderen zu übertragen.

Um ein System zu schaffen, das diese Hürde überwinden kann, braucht man eine denkende Maschine, die logisches Denken genauso beherrscht wie der Mensch (oder sogar besser) und eine ähnliche Abstraktionsfähigkeit besitzt. Um dieses Ziel zu erreichen und diese gemeinsame Vision der Wissenschaft zu verwirklichen, wird starke künstliche Intelligenz (starke KI) benötigt.1 Aber noch sind wir nicht soweit…

“Mein Telefon hat gerade den Geist aufgegeben…” Das sagen wir oft, wenn der Akku unseres Handys leer ist. Dabei wissen wir natürlich, dass das Telefon nicht wirklich im selben Sinne “den Geist aufgibt” – sprich: stirbt – wie ein fühlendes2 Wesen. Aber diese Formulierung macht uns auf zwei wesentliche Punkte aufmerksam:

  1. Unsere Tendenz, Objekten oder Wesen menschliche Eigenschaften, Gefühle oder Absichten zuzuschreiben,3 vor allem, wenn wir eine besondere Verbindung zu ihnen haben und sie als Erweiterung unseres Selbst wahrnehmen (wie es bei Handys der Fall sein kann).
  2. Wir sehen die Welt nur aus unserer menschlichen Perspektive und nehmen daher alles, was um uns herum geschieht, in menschlichen Kategorien wahr.

Wir wissen noch nicht, ob eine starke KI tatsächlich erschaffen werden kann bzw. ob unser derzeitiger Ansatz wirklich eine Maschine hervorbringen kann, die so intelligent ist wie ein Mensch. Aber wir wissen, dass solche Systeme beträchtliche Auswirkungen auf unser Leben haben würden. Sie könnten bei Arbeiten, die momentan von Menschen ausgeführt werden, potenziell bessere Leistungen erbringen und uns dadurch zwingen, über unsere sich wandelnde Rolle in der Welt nachzudenken.

Möglicherweise müssten wir auch unsere Interaktionen mit KI-Systemen überdenken, die genauso intelligent sind wie wir. Wenn wir davon ausgehen, dass ein Smartphone genauso oder sogar besser logisch denken kann als wir, oder gar ein Bewusstsein entwickelt, würden wir es dann nicht eher wie einen Partner statt wie ein Werkzeug behandeln? Zu sagen “Mein Telefon hat gerade den Geist aufgegeben”, weil es ins Wasser gefallen ist, hätte dann eine ganz andere Bedeutung.

An etwas zu forschen und zu arbeiten, das so einflussreich ist, dass es unsere Rolle und Stellung in der Welt grundlegend verändern könnte, geht mit erheblicher Verantwortung einher. In erster Linie geht es um die potenziellen Risiken einer starken KI für die Menschheit und die Welt im Allgemeinen. In diesem Zusammenhang stellen sich auch viele neue Fragen. Diese werden wir im nächsten Artikel Was macht uns als Menschen einzigartig? näher untersuchen.

Die Philosophie der künstlichen Intelligenz versucht, das Bewusstsein für solche Fragen zu schärfen und Diskussionen darüber anzustossen. Aber beginnen wir zunächst mit den Grundlagen.

Was ist Philosophie?

Im antiken Griechenland war ein Philosoph (oder philósophos) ein “Freund der Weisheit”. Menschen haben einen angeborenen Wissensdurst. Wir sind davon fasziniert, die grundlegende Natur des Wissens, der Realität, der Existenz zu erforschen, den Sinn des Lebens, unsere Rolle in der Welt und unsere Beziehung zu der Welt, in der wir leben.

Einige grundlegende Fragen, die wir beantworten möchten, sind: “Was ist der Mensch?”, “Was ist Wahrheit?”, “Haben wir einen freien Willen?”, “Wie funktioniert unser Verstand?” und “Welche Beziehung haben Geist und Körper zueinander?”

Die Suche nach Antworten auf diese Fragen nennen wir Philosophie. Diese philosophischen Fragen drehen sich hauptsächlich um den Menschen, daher scheinen sie zunächst keine Rolle zu spielen, wenn wir über Maschinen und KI-Systeme sprechen.

Was hat KI mit Philosophie zu tun?

KI verändert unseren Alltag auf drastische Art und Weise und ihre Bedeutung wird in den nächsten Jahren noch massiv zunehmen. Es ist nicht zu übersehen, dass KI in der Welt, in der wir leben, eine immer wichtigere Rolle spielt. Folglich wirkt sich KI auch darauf aus, wie wir unsere Stellung in der Welt derzeit wahrnehmen. Und sie zwingt uns dazu, philosophische Kernfragen in Bezug auf unsere Rolle in der Gesellschaft neu zu überdenken.

Wir beschäftigen uns hier mit den Auswirkungen von KI auf unsere sich verändernde Stellung in der Welt, unsere Beziehung zur KI sowie deren mögliche Weiterentwicklung.

Warum hat KI einen Einfluss auf unsere Rolle in der Welt?

Schon jetzt hat schwache KI einen massiven Einfluss darauf, wie wir unsere Rolle in der Welt wahrnehmen. Bedenken Sie, wie KI-gestützte Marketingkampagnen Ihre Meinung beeinflussen können, indem sie Ihre Aufmerksamkeit ablenken oder Ihre Ängste steuern – und all das geschieht in unserem Unterbewusstsein und ist erstaunlich effektiv…

Für Verbraucher können personalisierte Produktempfehlungen natürlich von Vorteil sein. Aber sie haben auch eine negative Begleiterscheinung: Uns wird möglicherweise weisgemacht, dass wir nur dann “jemand” sind, wenn wir das besagte Produkt kaufen.

Ein weiterer Bereich, in dem schwache KI – und in noch grösserem Ausmass starke KI – unsere Rolle verändern kann und wird, ist die Arbeitswelt. Wenn KI unsere Arbeit erledigen kann, vielleicht sogar besser oder effizienter als wir, könnten wir am Ende vor einer grundlegenden Frage stehen: Was ist der Sinn unseres Lebens auf der Erde? Wäre es wirklich so schlimm, wenn eine KI uns unseren derzeitigen Job “wegnimmt” und uns im Gegenzug mehr Freizeit für unsere Hobbys und kreativere Beschäftigungen verschafft?

Was sind die Auswirkungen auf unser Verhältnis zu KI?

Wir müssen auch unsere Beziehung zu KI bedenken. Sie wird primär von den Absichten bestimmt, mit denen wir KI-gesteuerte Maschinen überhaupt erst erschaffen. Wollen wir nur Werkzeuge, wie autonome Fahrzeuge, die uns im Alltag helfen? Oder wollen wir etwas schaffen, das eher wie ein Partner, wie ein anderes (fühlendes) Wesen handelt?

Bei beiden Szenarien gilt es, philosophische Fragen zu berücksichtigen, z. B.: Kann eine Maschine ein Bewusstsein entwickeln? Hat eine Maschine einen freien Willen? Wenn wir solche Fragen mit “Ja” beantworten, müssen wir auch die Konsequenzen bedenken. Wenn ein KI-System ein Bewusstsein entwickelt und einen freien Willen hat, können wir es dann als “Diener” behandeln, oder wäre das Sklaverei?

Je nachdem, wie wir solche philosophischen Fragen beantworten, kann das auch die Antworten auf weitere ethische und moralische Fragen entscheidend beeinflussen.

Und welche Auswirkungen hat das auf die Rolle der KI in der Welt?

Wenn wir mithilfe von KI einen funktionsfähigen Partner schaffen wollen: Was bedeutet das für die Rolle von KI in der Welt? Wenn solch ein Partner die gleiche Verantwortung übertragen bekommt, sollte er dann nicht auch die gleichen Rechte haben und nach den gleichen Werten beurteilt werden?

Die Erschaffung neuen Lebens ist bei weitem keine neue Idee. Es gibt zahlreiche Mythen und Geschichten darüber. Menschen fasziniert es schon lange, Maschinen zu erschaffen und zum Leben zu erwecken. Die bekannteste Geschichte ist zweifellos Frankensteins Monster.4 Vielleicht kennen Sie auch die Golem-Erzählungen aus dem jüdischen Volkstum. Ein Golem ist ein mythisches Wesen aus Ton, das zum Leben erweckt wird, indem man ihm eine Kapsel mit einer magischen Formel in den Mund steckt. Diese Prozedur erinnert an das Konzept des Programmierens: eine “magische” Kodierung wird in eine Maschine “eingefügt”.

Wenn wir überlegen, warum wir etwas Neues erschaffen wollen, dann geht es immer darum, ein Werkzeug zu erschaffen, das dem Menschen dabei hilft, seine Einschränkungen zu überwinden. Daran hat sich nichts geändert. Man könnte sich also fragen, ob diese philosophischen Fragen nicht schon früher gestellt wurden oder warum wir uns jetzt damit beschäftigen.

Wir sind gerade an einem Punkt, an dem die Erschaffung von so etwas wie “neuem Leben” möglicherweise nicht mehr nur Science-Fiction ist. Mit Hilfe von KI könnten wir durchaus in der Lage sein, etwas zu kreieren, das nicht nur ein Werkzeug ist, sondern als Partner angesehen werden kann. Solche Möglichkeiten und Fähigkeiten bringen Verantwortung mit sich. Wenn Maschinen ein Bewusstsein entwickeln und lernen, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, müssen wir vorbereitet sein: auf mögliche Auswirkungen und auf die Bedrohung des Status quo.

Schliesslich wollen wir nicht wie in Science-Fiction-Geschichten das zweifelhafte Schicksal erleiden, von unserer eigenen Schöpfung zerstört zu werden.

Fazit

Schwache KI ist ein leistungsstarkes Werkzeug, das Daten und Algorithmen nutzt, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. In den letzten Jahren hat sich oft gezeigt, dass KI bei bestimmten Aufgaben effizienter ist als der Mensch. Allerdings ist schwache KI äusserst spezialisiert und kann ohne Daten nicht funktionieren. Wir sind (noch) nicht bei der starken KI angelangt, also an einem Punkt, an dem die KI selbständig Daten erfassen oder neue Erkenntnisse gewinnen könnte. Aber wir bewegen uns in diese Richtung. Daher auch die Notwendigkeit, KI vom philosophischen Standpunkt aus zu untersuchen.

KI-Systeme verändern bereits jetzt unser Leben, und zwar drastisch – ein Trend, der sich in Zukunft fortsetzen wird. Das wird sich nicht nur darauf auswirken, wie wir mit KI interagieren. Möglicherweise werden wir auch dazu gezwungen, unsere Stellung in der Welt und den Sinn unseres Lebens zu überdenken.

Wir können uns nicht erlauben, etwas mit so viel Potential zu schaffen, ohne vorher die Konsequenzen zu bedenken. In diesem Zusammenhang ist es auch wichtig, über die Ängste rund um das Thema KI zu sprechen: vom eventuellen Verlust unserer Arbeitsplätze und der daraus resultierenden Massenarbeitslosigkeit bis hin zur Möglichkeit, dass eine KI intelligenter als der Mensch werden könnte. Erschaffen wir am Ende eine “Superintelligenz”, die uns als Bedrohung empfindet und uns deswegen ausschaltet? Diese Frage wurde in der Science-Fiction-Welt mit den Terminator-Filmen aufgeworfen. Sie weckt Befürchtungen, die in weiteren unserer Artikel thematisiert werden.

Wir können KI aber auch als eine grosse Chance für die Menschheit sehen. Es liegt in der menschlichen Natur, uns vor dem zu fürchten, was wir nicht verstehen. Deswegen spielt Information und Aufklärung eine wichtige Rolle. Wenn wir wissen, was auf dem Gebiet der KI passiert, können wir uns an der Diskussion beteiligen und die richtigen Fragen stellen. Wir können in Bezug auf KI zentrale philosophische Aspekte bestimmen und erkennen, in welchen Bereichen wir unser Bewusstsein schärfen müssen.

KI bringt Macht mit sich. Aber unbegründete Ängste darüber, wie diese Macht genutzt werden könnte, sollten nicht verhindern, dass KI weiterentwickelt wird.

  1. Eine ausführlichere Beschreibung von schwacher und starker KI finden Sie im Artikel KI – Zwei Buchstaben, viele Bedeutungen

  2. Ein fühlendes Wesen ist ein Wesen, das in der Lage ist, Gefühle wie Freude und Schmerz zu empfinden. Menschen und Tiere sind zum Beispiel fühlende Wesen. 

  3. Dieses Phänomen, dass wir Menschen dazu neigen, nicht-menschlichen Dingen menschliche Aspekte zuzuschreiben, nennt man auch Anthropomorphismus. 

  4. In Mary Shelleys Roman “Frankenstein oder der moderne Prometheus” aus dem Jahr 1818 erschafft der junge Wissenschaftler Victor Frankenstein durch ein unkonventionelles wissenschaftliches Experiment ein fühlendes Wesen.