KI - zwei Buchstaben, viele Bedeutungen

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Was ist KI? Inwiefern ist sie intelligent und warum ist sie künstlich?

Das Ziel dieses Artikels ist es klar festzulegen was wir mit dem Begriff künstliche Intelligenz (KI) genau meinen. Warum nennen wir sie “künstlich” und auf welche Weise ist sie “intelligent”?

Der Begriff KI beschreibt eine weitläufige wissenschaftliche Disziplin, welche sich mit der Entwicklung von Systemen beschäftigt, die probieren die menschliche Intelligenz nachzuahmen. Dabei meinen wir unsere Fähigkeiten wahrzunehmen, zu lernen, zu denken, zu planen, Probleme zu lösen, sich zu bewegen, zu manipulieren und kreativ zu sein. Oder anders gesagt, KI bezeichnet das Forschungsgebiet das sich mit “intelligenten” Algorithmen beschäftigt, welche in der Lage sind versteckte Informationsmuster in Daten zu erkennen. In dem sie analysieren, wie diese Muster in den Daten wiedergegeben sind, können solche Algorithmen lernen sich selbst zu verbessern, um eine vorgegebene Aufgabe erfolgreich erfüllen zu können.

Obwohl die obige Definition einen klaren und präzisen Überblick darüber gibt was wir mit KI meinen, bleibt das Konzept immer noch etwas vage und kann oft verwirrend sein. Ein Grund dafür ist, dass sich das Forschungsgebiet der KI ständig weiterentwickelt. Bis heute hat man sich noch nicht auf eine allgemein akzeptierte Definition geeinigt. Was dazu führt, dass jeder den Begriff ein bisschen anders verwendet.

Was ist KI und was ist sie nicht?

Was KI ist

  • KI beschreibt das Forschungsgebiet, das versucht, Maschinen beizubringen “menschliche Aufgaben” auszuführen. Es überschneidet sich dabei mit anderen Bereichen, wie Robotik und Statistik.
  • KI ist ein Werkzeug, das verwendet wird, um diese “menschlichen Aufgaben” auszuführen. So wie ein Ofen in der Küche ein Werkzeug ist, um rohe Lebensmittel in einen leckeren Kuchen zu verwandeln, kann KI rohe Daten nehmen und sie in brauchbare Ergebnisse umwandeln.
  • KI beschreibt eine Familie von Computeralgorithmen, die sich durch Erfahrungen automatisch verbessern können, entweder durch die Analyse von Daten oder dadurch, dass sie für die Ausführung einer bestimmten Handlung belohnt werden.
  • KI steht auch für eine neue Technologie, welche es erlaubt alte Dinge auf eine neue Art und Weise durchzuführen. Wie bereits die Erfindungen des Buchdrucks, der Dampfmaschine, die Entdeckung der Elektrizität oder die Entwicklungen von Computern und des Internets ganze Industriezweige verändert hat, wird auch die KI unsere Welt revolutionieren und viele neue Gelegenheiten erschaffen.

Was KI nicht ist

  • KI ist keine Einheit oder Objekt - sie ist eine Technologie. Ein Smartphone, das KI verwendet, um sich mittels Gesichtserkennung zu entsperren, ist selbst keine KI. Weder hat das Telefon Sie “identifiziert”, noch hat die zugrunde liegende App “Ihr Gesicht erkannt”. Das Telefon als physisches Objekt und die Software-Anwendung sind nur eine Verpackung der KI-Technologie.
  • KI ist nicht intelligent wie ein Mensch. Obwohl die KI ähnlich wie wir aus ihren Erfahrungen lernt, verhält sie sich ganz anders. Während wir mit Intelligenz ausgestattet sind, imitiert die heutige KI diese nur. Zumindest im Moment!
  • Die KI ist kein Wesen und hat kein Bewusstsein. Ihr Verhalten ist weder gut noch böse. Und doch haben die Menschen das Gefühl, dass da etwas drin ist, wenn sie die KI in Aktion sehen. Die KI lernt aus den bereitgestellten Daten und passt ihr Verhalten so an, um ihre Aufgabe optimal zu erfüllen. Sie versteht dabei aber die potenziellen moralischen Konsequenzen ihrer Entscheidungen nicht. Keines der Ergebnisse wird mit der Absicht produziert, Gutes oder Schlechtes zu tun. Mögliche Problem entstehen eher auf Grund der verwendeten Daten und der Formulierung der Anweisung, wie die KI ihre Aufgabe ausführen soll. Wenn sich also eine KI als gut oder schlecht erweist, sollte der Verdienst (oder die Schuld) den Menschen zugeschrieben werden, die an ihrer Entwicklung beteiligt waren.

Der Trugschluss, KI mit Menschen zu vergleichen

Einfach ausgedrückt: KI ist keine Wesen welches mit einer Seele oder einem Gewissen ausgestattet ist. Sie hat keine guten oder bösen Absichten. Die Projektion solcher menschlichen Eigenschaften und Konzepte auf eine Maschine und ihre Technologie - auch Anthropomorphismus genannt - ist ein häufiger Trugschluss, der vermieden werden sollte.

KI ist ein Werkzeug, das benutzt und missbraucht werden kann. Es sind die guten und schlechten Absichten ihrer Entwickler und Benutzer, die uns manchmal zu diesen Anthropomorphismen verführen. Zum Beispiel ist das globale Positionierungssystem (auch als GPS bekannt) eine mächtige Technologie, aber es liegt an den Designern und Anwendern, sie klug einzusetzen.

Die GPS-Navigation ermöglicht es uns, sicher und effizient in der Welt herumzureisen, wo immer wir uns auch befinden - sie kann aber auch dazu verwendet, eine Person ohne ihr Wissen zu verfolgen oder aufzuspüren. In diesen beiden Szenarien ist es der GPS-Navigation egal, wie sie verwendet wird. Sie stellt bloss ihren Dienst zur Verfügung für den sie entwickelt wurde. In ähnlicher Weise verfolgt die KI die Daten Mustern und führt ihre Aufgabe effektive aus, für welche sie trainiert wurde.

Wer sich mit KI-Technologie beschäftigt, muss also darauf achten und sich darüber Gedanken machen, wofür sie eingesetzt werden könnte. Es müssen Rahmenbedingungen und Einschränkungen geschaffen werden, um negative und unerwünschte Folgen zu vermeiden. Wenn Sie in einer Einbahnstrasse in die falsche Richtung fahren, weil Ihr “Navigationsgerät es Ihnen gesagt hat”, und Sie einen Unfall verursachen, ist dies sicherlich Ihre Schuld. Aber gleichzeitig sollte das Unternehmen, das der Software erlaubt hat, solche unzureichenden Empfehlungen zu geben, auch eine gewisse Verantwortung tragen.

Diese Entscheidungen liegen in unserer Hand. Wir müssen uns deshalb ihrer Möglichkeiten, aber auch ihrer Gefahren bewusst sein.

Schwache und starke künstliche Intelligenz

Schauen wir uns die beiden möglichen Arten von KI genauer an - schwache und starke. Im weitesten Sinne ist eine starke KI in der Lage, alles zu reproduzieren , was ein Mensch tun kann, während eine schwache KI nur in einer bestimmten Aufgabe kompetent ist.

Eine schwache künstliche Intelligenz, manchmal auch enge KI genannt, ist ein System mit sehr begrenzten Fachkenntnissen. Dieses System ist darauf trainiert, eine bestimmte Aufgabe so korrekt wie möglich auszuführen. Eine schwache KI ist jedoch nicht in der Lage, ausserhalb des vorgegebenen Rahmens zu operieren. Sie kann sich also selber nicht darüber hinaus anpassen oder generalisieren.

Zum Beispiel wird Ihr KI unterstützter E-Mail-Spamfilter nicht in der Lage sein, zwischen dem Bild eines Apfels oder einer Birne zu unterscheiden. Ebenso wird ein selbstfahrendes Auto nicht in der Lage sein, Ihnen Filme oder Bücher zu empfehlen. Das geht sogar soweit, dass eine KI welche dazu entwickelt wurde, Lungenkrebs in medizinischen Röntgenbildern zu erkennen, nicht in der Lage ist, in diesen Bilder gleichzeitig COVID-19-Infektionen zu erkennen. Es sei denn, die KI wurde speziell für beides trainiert.

Eine starke künstliche Intelligenz, manchmal auch generelle KI genannt, hat diese Einschränkungen nicht. Starke KI ist eine hypothetische Maschine, die jede dem Menschen zugängliche intellektuelle Aufgabe verstehen und erlernen kann. Diese KI kann alle unsere kognitiven Fähigkeiten nachahmen. Sie ist in der Lage, innovativ und kreativ zu denken, zu argumentieren, Schlussfolgerungen zu ziehen, Probleme zu antizipieren und zu lösen. Dabei kann sie frühere Erfahrungen und erworbenes Wissen nutzen, um neue und unbekannte Aufgaben zu lösen, genau wie wir. Aber im Gegensatz zu Menschen wird sie dies mit einer Geschwindigkeit und einem Verbesserungspotenzial machen, wie es die Welt noch nie gesehen hat.

Genau dieser Aspekt macht die starke KI zu einem ebenso faszinierenden wie beängstigenden Werkzeug.

Bislang war jede menschliche Errungenschaft und jeder technologische Fortschritt das Ergebnis unserer eigenen, menschlichen Intelligenz. Wozu wären wir wohl fähig, wenn unsere Bemühungen von einer neuen und möglicherweise fortschrittlicheren Intelligenz unterstützt oder sogar geleitet würden? Was ist wenn Jahrtausende menschlicher Forschung, Entdeckungen und Erfindungen auf ein paar Stunden Arbeit im “Kopf” einer einzigen starken KI reduziert werden könnten?

Das Potenzial einer solchen KI scheint unermesslich und unendlich. Alle bekannten Krankheiten könnten geheilt, der Klimawandel rückgängig gemacht, die Energiekrise durch neue und fortschrittlichere erneuerbare Energien ersetzt werden. Was wäre, wenn eine solche Maschine Hunger, Armut und Ungleichheit in der Welt beseitigen könnte? Oder was wäre, wenn sie aus einem unbekannten Grund genau das Gegenteil tun würde?

Einige Forscher glauben, dass in dem Moment wo die starke KI lernt sich selber zu verbessern, ihre Entwicklung nur noch von den Grenzen der Rechenleistung abhängt und nicht mehr von den Grenzen des menschlichen Verstandes. Die KI könnte somit in kürzester Zeit die intelligentesten Menschen in allen denkbaren Bereichen übertreffen und sich in eine sogenannte künstliche Superintelligenz verwandeln.

Aber wenn uns die vergangenen 50 Jahre des KI-Hypes und -Winter etwas gelehrt haben, dann dass wir die Komplexität der menschlichen Intelligenz und den benötigten Aufwand um sie zu imitieren, unterschätzen. Starke KI und Super-KI sind somit zur Zeit bloss Träume von “Was wäre wenn?” und interessante Themen um philosophische Debatten zu führen - zumindest vorerst.

Während schwache KI die Form der KI ist, über die heutzutage alle reden (und die wir mit “That’s AI” erklären wollen), ist starke KI diejenige Form, welche man in Science-Fiction-Geschichten antrifft. Wie lange es noch dauern wird, bis starke KI Realität wird, kann niemand wirklich sagen. Während einige Experten glauben, dass dies bereits im Jahr 2050 der Fall sein könnte, sagen andere voraus, dass diese Technologie noch Jahrhunderte braucht bis sie entwickelt wird, wenn überhaupt je.

Was aber jedem klar sein sollte, ist, dass die Erfindung der KI das wichtigste Ereignis der bisherigen Menschheitsgeschichte sein könnte. Und wie bei jeder neuen Technologie müssen wir gut aufpassen, dass sie die Menschheit nicht entsprechend zurückwirft.

Warum nennen wir sie “künstlich”?

Der Grund dazu ist ganz einfach. Im Gegensatz zur “natürlichen” Intelligenz, mit der Menschen und Tiere ausgestattet sind, ist diese Intelligenz nicht das Produkt eines biologischen Prozesses oder der natürlichen Selektion - sie wurde künstlich geschaffen. Eine KI kann also nicht im gleichen Masse als intelligent bezeichnet werden, wie wir diesen Begriff für Lebewesen verwenden.

Ist KI also tatsächlich “intelligent”?

Um besser zu verstehen, auf welche Weise sich KI von menschlicher Intelligenz unterscheidet, sollten wir zuerst einmal anschauen, wie die Intelligenz eines Menschen im Vergleich zu der eines Tieres ist steht.

Alle Tiere, uns Menschen eingeschlossen, sind in der Lage zu lernen und unzählige Leistungen zu erbringen. Wir können eine Beute oder einen Räuber durch Sehen, Riechen oder Echoortung erkennen. Wir sind in der Lage, mit Mitgliedern in einer Gruppe durch komplexe Verhaltensweisen und ausgefeilte Kommunikation zu kooperieren. Und des weiteren können wir schwierige Probleme lösen und Hindernisse umgehen, um unser Überleben zu sichern. Dies alles verdanken wir unserer beeindruckenden Wahrnehmungs- und Auffassungsgabe und unseren Fähigkeiten, aus unseren Erfahrungen zu lernen, uns an Umweltveränderungen anzupassen und auf unvorhergesehene Ereignisse zu reagieren.

Während eine schwache KI in der Lage ist, die meisten dieser Fähigkeiten einzeln zu erlernen, ist es für sie immer noch schwierig, all das in einem ganzheitlichen Ansatz zu kombinieren - einem Ansatz, der trotz veränderter Ausgangsbedingungen robust bleibt, und gleichzeitig flexibel genug ist, um sich an neue (vielleicht sogar noch unbekannte) Situationen anzupassen.

Ist KI also noch nicht so “intelligent” wie Tiere, weil sie noch nicht weiss, wie sie all diese Informationen miteinander verknüpfen soll? Ganz so einfach ist es leider nicht! Entscheidend ist hier der Unterschied zwischen "intelligent sein" und "sich intelligent zu verhalten".

Stellen Sie sich zum Beispiel vor, Sie fahren in einer kalten Winternacht mit ihrem Auto übers Land. Ein Mensch, der die Gefahren von Glatteis kennt, wird seine Umgebung aufmerksam beobachten und versuchen, Risiken und ungewollte Überraschungen vorauszusehen. Wir würden sagen, dass ein solcher Fahrer intelligent ist und versucht einen möglichen Unfall zu vermeiden.

Wie wäre dies nun mit einem selbstfahrendem Auto? Nehmen wir an, das Auto hat unzählige Sensoren, um seine Umgebung wahrzunehmen und ist mit allerneuesten Steuerungs- und Bremsprotokollen ausgestattet. Was wenn dieses Auto aus früheren Erfahrungen gelernt hat sein Fahrverhalten anzupassen, sobald die Temperatur unter null Grad sinkt oder Schnee auf der Strasse liegt? Während ein solches Auto also in der Lage sein könnte, sich an die aktuellen Bedingungen anzupassen, muss es dazu nicht wie unser menschlicher Fahrer wirklich Intelligenz haben.

Kehren wir für ein weiteres Beispiel in das Tierreich zurück. Ein Fisch oder ein Vogel, der alleine beobachtet wird, scheint einigermassen intelligent zu sein. Sobald diese Tiere aber eine Gruppe bilden, kann ihr gemeinsames Verhalten zu etwas führen, das man als Schwarmintelligenz bezeichnet. Dies ist eine Form der kollektiven Intelligenz, die selbstorganisierend und dezentral ist.

Die individuelle Aufgabe jedes einzelnen Mitgliedes kann in dem Fall sehr einfach sein - sie müssen bloss die gleiche Distanz zu ihren Nachbarn einhalten und ihre Geschwindigkeit und Richtung einander anpassen. Für ein einzelnes Tier erfordert dies nicht viel Nachdenken. Aber wenn es Teil eines Ganzen ist, dann können all diese einzelnen Verhalten grosse “Schwärme” bilden, die sich auf unglaubliche Art fortbewegen.1 Auf diese Art schaffen es Tiere sich vor Raubtieren zu schützen, da für diese die Grösse und Bewegung des Schwarmes unklar, beängstigend oder verwirrend sein kann.

Lassen Sie uns mit diesem Konzept noch einen Schritt weiter gehen, indem wir nun die komplexen sozialen Strukturen und Verhaltensweisen von Bienen, Ameisen und anderen Insekten, die in Kolonien wohnen, betrachten. Die individuellen Mitglieder der Gruppe können nicht als intelligent angesehen werden, denn sie haben nicht die Fähigkeit, das grosse Ganze oder die Zukunft des Bienenstocks zu betrachten. Aber durch die Kombination zahlreicher Interaktionen und Reaktionen können solche Bienenstöcke als Ganzes beeindruckende Leistungen vollbringen - wie z. B. die Schaffung einer Gesellschaft, die einer Stadt zu gleichen scheint oder die Umsetzung von komplexen, beinah militärisch anmutenden Strategien zur Verteidigung des Bienenstock.

In gewisser Weise geht diese Art von Gruppenintelligenz über das “intelligente Verhalten” des selbstfahrenden Autos hinaus. Solche Bienenstöcke sind selbstbewusst - sie verstehen ihre Umgebung, können lernen, planen und sich neuen Herausforderungen auf innovative Weise stellen.

Mit zunehmender Verbesserung der KI wird es somit immer schwieriger, zwischen menschlicher, tierischer und künstlicher Intelligenz zu unterscheiden. Alle drei haben die Fähigkeit, ihre Umwelt wahrzunehmen, aus ihr Informationen abzuleiten, Wissen erst zu erwerben und dann zu nutzen - und dadurch ihre Verhaltensweisen auf neue Kontexte anzupassen.

Anstatt zu fragen, ob unsere Intelligenz die künstliche Intelligenz übertrifft, sollten wir uns deshalb eher fragen, wie ähnlich sie sich überhaupt sind. Wir versuchen, menschliches Verhalten mit KI zu replizieren. Aber muss diese künstliche Intelligenz mit natürlicher Intelligenz vergleichbar sein? Oder könnten wir uns vorstellen, am Schluss mit einer völlig anderen Form von Intelligenz zu enden? Sicher ist auf jeden Fall, dass wir uns nicht nur auf das “intelligente Verhalten” fokussieren sollten - zur Intelligenz gehört mehr.

  1. Vogelschwärme, Fischschwärme oder Bienenschwärme sind unglaubliche Phänomene! 

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